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Würde schon gehen, dachte ich mir als ich mir eine Woche vor dem ersten Konzert in Deutschland der "Process of Believe"-Tour, so heisst das aktuelle Album der erfolgreichen Punkrockband aus dem Westen Amerikas - Californien um genauer zu sein, kaufte. Ich fieberte dem Tag entgegen, an dem ich meine absolute Lieblingsband zum ersten Mal live sehen würde. An einem Donnerstag war es dann soweit. Am Morgen ging’s erst noch zur Schule, diesmal schenkte ich kaum einer Person meine Aufmerksamkeit, was die Lehrer ja gewohnt sind. Ich war so gespannt. Wird die Show gut? Finde ich überhaupt die Halle? Wird alles gut gehen? Komm ich heile nach Hause? Eine kleine Selektion an Fragen, die mir immer wieder meine Gedanken blockierten. Dreizehn Uhr zehn, um diese Uhrzeit erhöht sich gesamte Laune, nicht nur an diesem Tag. Die Schule ist aus, der Tag kann beginnen. Schnell nach Hause, frischgemacht, einmal geduscht und dann alles einpacken, was man für einen schönen Ausflug braucht. Geld für die Bahnkarte und diverse andere Dinge, eine Uhr und die Konzertkarte, die nur so darauf wartete gelöst zu werden. Es konnte losgehen...

Mein netter Vater brachte mich zum Bahnhof. Grund dafür war die schlechte Bahnverbindung und die sehr geringe Zeitspanne, die ich zur Verfügung hatte. Am Bielefelder Hauptbahnhof angekommen, musste eine Bahnkarte gekauft werden - kein Problem wenn man das Geld hat, aber an diesem Tag hätte ich auch das Doppelte bezahlt. Am Ticketschalter war nicht viel los, aber ein Herr, der der deutschen Sprache nicht mächtig war und vor mir stand, brauchte so extrem lange um ein Ticket zu kaufen, dass ich fast den Zug verpasst hätte - es stellte sich heraus das die Angst unbegründet war. Und nun saß ich im Regional Express über Essen und mehr als eine Handvoll unwichtiger und bedeutungsloser Kleinstädte nach Oberhausen. Nach schätzungsweise 40 Minuten fahrt, stiegen Hunderte von Kindern zwischen 10-15 Jahren in den Zug ein. Drei pubertierende Mädchen setzten sich in die freien Plätze neben und gegenüber von mir - und was haben sie für einen scheiß geredet. Ich habe mitbekommen, dass sie von der YOU, der Messe für Kinder kamen. Nun musste ich mir 30 Minuten dumpfsinniges geredete anhören: Hast du denn gesehen, der war ja soooo süss! Und das Lied, das sie gespielt hatten, war auch ganz gut, fügte eine andere hinzu. Nun endlich in der Stadt angekommen, in der zwei Wochen zuvor der GameCube Launch gefeiert wurde, musste ich umsteigen - viel Zeit blieb mir nicht, aber es reichte. Am Bahnsteig stehend und auf die Bahn wartend, sah ich in meinem Augenwinkel zwei Jugendliche, die ungefähr so alt waren wie ich. Sie trugen Bad Religion T-Shirts - unübersehbar. Wer die Band kennt, wird das Logo kennen, alle anderen sei gesagt, dass sich die Band um Frontmann Greg Graffin mit einem durchgestrichenen Kruzifix identifizieren. Es ist nicht so, dass sie nicht an Gott glauben würden. Als Greg im Jahre 1980, mit seinem Freund Brett - heute auch noch mit von der Partie, eine Band gründen wollte, suchten sie nach einem seriösen Namen, der ein immer aktuelles Thema verkörpert und wann bitte schön werden Religionen ganz an Bedeutung verlieren? Zum anderen wollten sie in gewisser Weise irgendwie ihre Eltern ärgern, was auch geklappt hat. Jedenfalls war es unübersehbar und so war es ein Leichtes sie in Oberhausen wieder zufinden. Ich sprach sie an, nach einer kleinen Unterhaltung ging es dann, geradewegs und ohne Hindernisse, zur Halle. Noch circa zwei Stunden waren Zeit.

Wie bei jedem bedeutendem Konzert, egal ob Weltstars oder die gecasteten, peinlich wirkenden Popstars auftreten, fuhren Busse zu Turbinenhalle. Wir wollten hingegen die Stadt sehen und verzichteten auf eine Mitfahrgelegenheit. Oberhausen... meiner Meinung nach eine recht schöne Stadt. Die Strassen wirken an bestimmten Stellen so gut wie unbefahren. Und so gingen wir, mit einem schwarz-weiß Stadtplan der schlechteren Kategorie im Faktor Qualität und Übersicht, los. Die Zeit während des Gehens nutzen wir um uns näher kennen zulernen, diskutierten über verschiedene Songs unterer Stars, machte Witze und waren alle sehr gut gelaunt. Es stellte sich heraus, dass einer der Beiden 19 Jahre alt war, der andere war 17. Es waren Brüder, sah man ihnen aber nicht an. Nette Genossen, mit denen man reden konnte. Der auf der Karte so endlos einzuschätzende Weg war nicht mehr als ein kleiner Marsch, wie man ihn öfters mal macht. Die Turbinenhalle war in Sichtweite und mit ihr zwei Geschäftsstellen der ewigen Hamburger-Konkurrenten, ich glaube ich muss die Namen nicht nennen. Da wir kaum Hunger hatten, beschlossen wir, nichts zu essen. Mit jedem Schritt wurde es menschenvoller. Punks waren nur sehr vereinzelt aufzutreffen, worüber die ahnungslose Eltern sicher gewundert hätten, ist ja schließlich Punkrock. Die Leute, die sich etwas in der Szene auskennen, werden wissen, dass diese Musikrichtung an keine bestimmte Gruppe von Menschen ausgerichtet ist. Es ist Musik die meist sehr melodisch und schnell ist. Bad Religion Songs stiften zum Nachdenken an, in meiner subjektiven Meinung zumindest. In dem Lied "Punk Rock Song", welches auch an diesem Abend gespielt wurde und eines meiner absoluten Lieblingslieder ist, lautet eine Textzeile: This is just a punk rock song - written for the people who can see something's wrong. Was ich damit sagen will ist, dass die Songs nicht über irgendeine verflossene Liebe oder uninteressantes Zeug der Art handeln, sondern über die Regierungen, Religionen, Menschen und ihre Fehler, Kulturen, Minderheiten und so weiter.
Kaum Punks, wie gesagt. Selbst wenn viele da gewesen wären, hätte mich das nicht gestört. Was ich sah, waren viele Menschen vor einer durchschnittlich grossen Konzerthalle. Die Altersklasse, denke ich, lag zwischen 16 bis 40. Gewundert hat mich, dass auch sehr viele Frauen und auch eine geringe Anzahl von Mädchen zum Konzert wollten - schade, dass so viele des schwachen Geschlechts auf den kommerziellen Mist wie Britney Spears, BroSis oder No Angels stehen. Die Beiden wollten, bevor es rein ging, noch eine Zigarette rauchen und ich nutze die Zeit um mich noch mal genau in der Menge, die vor der Halle stand. Viele Menschen waren es, für ein Konzert aber eher eine geringe Zahl, was die Anderen und mich aber nicht störte. Wir beschlossen rein zu gehen. Nachdem wir auf Waffen und Sonstigem, von muskulösen Männern durchsucht wurden, standen wir in einer halbvollen Lobby. Links ging es in den eigentlichen Raum der Halle, wo später eine Vorgruppe auftreten würde. Gegenüber war ein Stand, der diverse Bad Religion T-Shirts und Pullover, zu einem noch annehmbaren Preis, verkaufte.
Die Lobby glich einer Sauna, die Hitze war unaufhaltbar. Wir kühlten uns jeweils mit einem zwei Euro teurem Bier, welches Eiskalt serviert wurde - wunderbar. Nachdem wir die 0,2L Plastikbecher ausgetrunken hatten, wussten wir nicht nur, dass es hier verdammt teuer war, nein, wir wussten auch, das es langsam zeit wurde, die Haupthalle zu betreten. Bevor wir eintreten konnten, wurde wieder unsere Eintrittskarte verlangt - ging aber alles recht schnell. Als nächste fokussierte sich mein Blick auf die Bühne, den Lautsprechern und dem gelb-orangen riesen Banner von Bad Religion, der genau so aussah wie das Cover des aktuellen Albums. Wir suchten uns einen zentrierten Platz in der Menge, von dem wir hofften, das ganze Geschehen sehr gut beobachten zu können - mit Erfolg. Nach einer zwanzigminütigen Wartepause, fing die Vorgruppe, deren Namen ich (leider) vergessen habe, an zu spielen. Die Lautstärke betrug schätzungsweise etwas um die 120 DB, es war schon laut. Knapp eine halbe Stunde war das Krächzen des Frontmanns zu hören - schrecklich und langsam fing ich an zu glauben, dass Live-Musik nicht so gut sei, wie die aufgenommenen Stücke. Ich versuchte diesen Gedanken zu verdrängen. Dann waren sie fertig und ich fing wieder an zu lachen, gleich ist es soweit, dachte ich, dann kommen sie, die Band, die ich in den letzten Jahren so in mein Herz geschlossen hatte.
Eine weitere zwanzigminütige Pause folgte - das Equitment wurde gewechselt. Auch in diesem Raum war eine Bar, die etwas grösser war als die in der Lobby, leider nicht billiger. Ich nahm ein Bier zu mir, um den Schock zu verkraften - es war schlimm, was die Band auf der Bühne fabriziert hatte. Die nach der Vorband aufgehellte Haupthalle, wurde wieder abgedunkelt und nun wussten circa 300-400 Bad Religion Fans, was auf sie zukommt! Mein Herz fing an zu schlagen, jeden Augenblick sind sie da, jeden Augenblick. Da kamen sie auf die Bühne. Durch die grellen Scheinwerfer, waren sie für jeden gut sichtbar und ein Applaus begann, der mindesten zwei Minuten dauerte. Hätte Greg nicht das Mirkofon in die Hand genommen, hätte wir wohl noch weiter gejubelt. Hello, Oberhausen. There's our first song for tonight called Suffer! Und bevor er das letzte Wort zuende gesprochen hatte, fingen die anderen Bandmitglieder an zu spielen. Was nun kam, kann ich nur schwer in Worten wiedergeben. Es war wie ein Traum. Die Lautstärke war noch mal angehoben und die Live-Performance war schlicht und einfach umwerfend. Die Lieder hörten sich phänomenal an, kein Zweifel, Live hört sich Bad Religion am Besten an! Ohne über ging "Suffer" gleich ins zweite Lied "Punk Rock Song" über. Ich musste meinen ersten Eindruck korrigieren: So was hatte ich nicht erwartet, was war einfach genial. Der Sound war schneller, melodischer und nichts mehr so "clean" wie auf den Studio-Alben, ein wa(h)rer Traum. Lied Nummer zwei war zuende gespielt und Greg fing wieder an zureden - alleine seine Witze wären die 25 Euro wert gewesen. Es folgten drei Lieder des neuen Albums. "Supersonic", "Prove It" und "Can't Stop it" - alles Killersongs - ein wahnsinniger Speed - genau diese Lieder hatte ich mir u.a. gewünscht. Es folgten weitere Lieder von ihrer neusten Platte. "Broken" und "Sorrow", die ja beide in Deutschland als Singles erschienen sind, "Epiphany" und "The Defense". Der Song "Kyoto Now" hat mir Live sehr gut gefallen, viel besser als das etwas hackelige Original. Leider kann ich mich nicht mehr an alle Songs erinnern, die sie gespielt haben. Nach ungefähr 45 Minuten, sprich genau in der Mitte des Konzertes, das circa Anderthalbstunden dauerte, brauchten sie ihre Mega-Songs, die von allen Fans geliebt wurden. Nach dem Lied "Strenger than Fiction" fingen die Drei, die ein Mikrofon hatten (neben Greg hatte u.a. Brett ein Mikro um Greg an bestimmten Liedstellen stimmlich zu unterstützen, was die Songs auch vorsahen), das Lied "Do what you want" mit einem krachenden Do you want? an - Die Halle inklusive mir war total aus dem Haus, was aber auch schon vorher so war und gegen Ende noch extreme werden würde, aber das wusste bis zu diesem Zeitpunkt noch keiner. Es folgten Hits wie "Generator" und "Infected". Nach dem zuletzt genannten Lied fing die - unter Bad Religion Fans bekannte - Schlagzeugeinlage von Jay Bentley an, was das Intro zu keinem geringeren Lied als "Along the Way" ist. Die Hände von Hunderten von Fans (und natürlich auch mir) stiegen in die Höhe und fingen an, rhythmisch mitzuklatschen. Es war verrückt, wie die Jungs auf der Bühne dieses Programm ohne (wirkliche) Pause absolvieren.
Ohne Pause ging es weiter. Die Halle tobte als die US-Boys, das Lied "No Control" anstimmten - es hielt keinen mehr still. Es folgte meine beiden absoluten Favoriten "Ten in 2010" und "American Jesus". Schon jetzt war der Abend unendlich mal besser als ich es mir erträumt hatte. Nach schätzungsweise 85 Minuten, war es vorbei - nein - ein Lied hatten sie noch. The last song's called 21st Century Digital Boy! Noch einmal sang die ganze Halle mit, richtige Gänsehaut-Atmosphäre, habe davon selbst aber nicht viel mitbekommen: Arme in der Luft, mit dem Zeigefingern die Arme, nach dem Rhythmus des Liedes, nach vorne und wieder zurück und mitgesungen, wie es jeder gemacht hat. Ein Erlebnis, das man als Fan des Genres erlebt haben muss. Auch dieses Lied ging recht schnell vorbei, wie eigentlich ja alle -- hatte mir mal eine CD aus meinen Lieblingsstücken zusammengestellt und hatte am Ende 33 Lieder auf 63 Minuten, macht nicht einmal zwei Minuten im Durchschnitt. Ohne Zugabe verabschiedeten sich die Meister des Punkrocks von ihren Fans, was aber keinen wunderte - Bad Religion und Zugaben ist wie Bro'Sis Lieder mit Sinn. Noch mal riesen Applaus, den sie sich auch redlich verdient hatten.

Nach dem verlassen der Halle, waren unsere Ohren irgendwie wie betäubt. Eine angenehme Temperatur und eine kühle aber genau richtige Briese wehte uns, auf den Weg zum Bahnhof ins Gesicht. Das war was, man musste, wie Trainer nach Gewinn einer Meisterschaft oder des weniger anerkannten Pokals, erst mal die Gedanken verarbeiten und ordnen. Das ging aber schnell und wir redeten über das Konzert, Fakt ist, es war superb. Greg und seine Mannen sind in einer hervorragenden Verfassung und der Auftritt unterstrich diese Aussage doppelt. Am Oberhausener Hauptbahnhof angekommen, gingen wir nach McDonalds und bestellten uns unterschiedliche Hamburger - ich kaufe mir eine kalte Cola dazu. Wir trabten langsam weiter zum Steg 8, oder war es 11 - Fakt ist, das der erste Steg nicht der war, wo die Bahn kam, da hat es entweder irgendwelche Probleme gegeben, ob sie technisch oder menschlich waren, konnten wir natürlich nicht wissen! Auf einer Bank ließen wir uns nieder und aßen unsere Burger weiter. Kurze Zeit nach Stillung des Hungers kam die Bahn. Wir fanden einen Platz neben einen Bahnangestellten, mit dem wir später noch ins Gespräch kamen. Es wurde über Musik (war ja klar, oder?), Ausbildung, Chemie und die Herstellung von Bomben, keine Ahnung wie wir darauf gekommen sind - wahrscheinlich über Chemie, geredet. Der Angestellte war wirklich sehr nett, eine Eigenschaft, die ich bis zu diesem Zeitpunkt noch bei keinem Bahnangestellten festgestellt habe. Wir tranken noch jeder ein Bier-Cola-Mix und nur wenige Minuten nach Leerung der Dose waren wir auch schon in der schönen Stadt Hamm angekommen, von der uns meine Mutter, freundlicherweise, abgeholt hat (der Grund war, dass nach 23.00 Uhr keine Bahn mehr nach Bielefeld fuhr). Bis aber meine Mutter endlich da war, verging noch eine halbe Stunde. Auf dem Bahnhof warteten zig Pfadfinder auf ihren Zug, eine wahre Seuche. Sie haben aber weder randaliert noch irgendwelche anderen Leute angemacht - das haben wir gemacht. Es kam aber keiner zu schaden und über Handy wurde ich, von meiner Mutter informiert, dass sie da sei. Nun ging es auf nach Hause. In der Nähe von Werther (eine kleine Stadt in Ostwestfalen-Lippe/NRW) ließen wir den 19-Jährigen Bad Religion Fan (sein Bruder verließ gegen 22.15 die Halle, weil er am nächsten Tag Schule hatte - wie ich eigentlich auch), der gerade sein Abitur gemacht hatte raus. Die Ursache, warum wir ihn nicht nach Hause fahren konnten, war einfach die Tatsache, dass meine Eltern (ohne mich) gegen drei Uhr (...noch was) am Flughafen sein mussten, um den Flieger nach Teneriffa zu erwischen. Als ich zuhause ankam, fiel ich ins Bett, wie ich noch nie ins Bett gefallen war - so kaputt, so durchschwitzt, so müde, so glücklich über einen Tag den ich nicht so schnell vergessen werde!
Von M.Wehmeier
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