Ikaruga
Review von M.Kallhardt (mail) | 18. Juli 2003 | PAL Version

Seit mit Rebel Assault auf dem PC die "3D-Isierung" der Actionspiele begann, konnte man den starken Rückgang einer besonderen Spielegattung beobachten: der Vertical- (oder Horizontal-)Shooter, auch "Shoot-em-up" genannt. Während der Zeit, als viele Spielentwickler auf den 360°-Zug aufsprangen und die Gegner aus drei Dimensionen auf den Spieler feuern ließen, entstanden zwar viele optische Spielperlen, leider ließen sich die Spiele nicht mehr auf die elementaren Shooterelemente reduzieren: Ballern und ausweichen.
Ein paar Spiele dieser seltenen Art erscheinen auch heute noch, die Firma Treasure hatte so schon vor ein paar Jahren mit "Radiant Silvergun" den bis dato besten Shooter produziert. Nun erschien vor einigen Tagen der inoffizielle Nachfolger "Ikaruga", zu erst auf der Dreamcast (letztes Jahr schon), nun auch auf dem GameCube.

Gameplay:
Das Spiel umfasst insgesamt nur 5 Level (mit kurzen Kapiteln), jeder von denen dauert nur ein paar Minuten, so dass ingesamt ein Durchspielen in unter 2 Stunden zu bewerkstelligen ist! Wenn man es denn schafft - denn Ikaruga ist alles andere als leichte Shooterkost.

Das Grundthema (eine Hintergrundstory gibt es auch, die ist aber bei solchen Spielen unwichtig) ist der wieder mal der Kampf Gut gegen Böse. Beide Parteien sind dabei in 2 Hälften gespalten: eine helle (weiß) und eine dunkle (schwarz). So kann man alle Gegner eindeutig zu weiß oder schwarz zuordnen und dementsprechend verhalten sie sich: weiße Gegner schiessen mit weißen Lasern, schwarze mit schwarzen. So weit, so gut. Auch auf unserer Seite, der Guten, kennt man die beiden Farben. Nur sind sie hier in einer Figur vereinigt: dem Raumschiff des Spielers. Per Knopfdruck wird die Polarität des Schiffes umgedreht und man wechselt zur anderen Farbe, was ungefähr eine halbe Sekunde Feuerpause bedeutet.
Da steckt natürlich eine Strategie hinter - in Weiß werden die weissen Schüsse der Gegner absorbiert und gleichzeitig richtet der eigene (weiße) Laser doppelten Schaden bei den schwarzen Gegnern an. Wechselt man zu schwarz, ist es genau anders herum.
Ist noch ganz einfach, auf die eine Sache (Als Weißer den schwarzen, als Schwarzer den weißen Schüssen ausweichen) kann man sich während des Spiels noch konzentrieren.

Jetzt wirds schon komplizierter:
Absorbiert man Schüsse der eigenen Farbe, wird davon ein Energiemeter aufgefüllt, mit dem man zielsuchende Raketen abschiessen kann - je voller, desto mehr Raketen fliegen los. Einmal ausgelöst, werden alle vorhandenen Raketen auf einmal verschossen.
Die Raketen haben die gleiche Farbe wie das Schiff in dem Moment, möchte man also einen großen, weißen Gegner zerstören, sollte man schwarze Raketen abfeuern (also zum schwarzen Schiff wechseln). Neben dem Ausweichen der bösen Sachen muss man sich jetzt auch noch aufs Einsammeln der guten Sachen konzentrieren, aber das geht noch.

Dumm ist nämlich nur, dass der eigene Schild nur Schüsse der Gegner aufhält.
Rammt man einen Gegner ist eines der Leben futsch, von denen man einstellbar 3 - 5 hat. Nicht nur Gegner sind unserem Schiff im Weg, auch Felsen, fliegende Plattformen, Kisten, Propeller und so weiter und so fort platzieren sich gerne da, wo man auch hinmöchte und wenn sie es mal nicht tun, kann man immer davon ausgehen, dass da gleich irgendwas anderes angeflogen kommt.
Also merken: Gleiche Farbe: einsammeln, andere Farbe: ausweichen, nirgendwo gegen fliegen.
So, auf diese Weise kann man sehr gut durch die 5 Level kommen - das ist eigentlich auch schon der Hauptsinn des Spiels.
Für den so genannten Storymodus gibt es dann 3 Schwierigkeitsstufen, je nach Schwierigkeit feuern die Gegner unterschiedlich stark.
Der eigentliche Replay-Wert des Spiels liegt aber beim Perfektionieren der eigenen Highscore. Hierfür hat Treasure noch viel mehr Inhalt ins Spiel gebracht: Um möglichst viele Punkte zu sammeln, muss man Gegner in Chains erledigen. Schiesst man 3 Gegner der gleichen Farbe ab, erhöht sich die Chainkette um 1. Pro Stufe erhält man Extrapunkte. Kommt einem ein Gegner einer anderen Farbe dazwischen, geht die Kette wieder auf 0 herunter. Die weltbesten Spieler erreichen manchen Levelabschnitten so bis zu 90fachen Chains.

Damit man nicht immer wieder von vorne anfangen muss, gibt es a) einen Trainingsmodus, wo man jedes schon erreichte Kapitel antesten darf und b) den Conquestmodus.
Im letzteren kann man sich jedes der etwa 20 Kapitel auf 5 (!) verschiedene Spielweisen (zum Beispiel sicherster Weg, Punktereichster Weg, ...) als Demo angucken und hinterher versuchen, auf die gleiche Weise nachzuspielen. Zum Üben geht das auch in halber Geschwindigkeit. Wer auch das normale Spiel antesten will, kann im Trialmode mit unendlichen Continues das erste Level durchspielen und im zweiten dann schon mal die harte Ballerkost probieren. Alle 5 Levels gibts aber nur für Normalmode-Spieler. Für 2 Spieler gibt es einen Cooperative-Modus der das Durchspielen ein wenig einfacher macht.

So, viel geredet von Spielmodi und Punktejagden...
Nach langer, langer Spielzeit hat man es dann geschafft und das Spiel beendet. Als Bonus erwarten einen Bildergalerien, unendliche Continues (nach jeden Continue gehen allerdings die Punkte wieder auf Null, Punktesammeln damit ist also nicht drin) oder einen Extra-Spielmodus, in dem man nur begrenzte Munition hat.
Die besten Spieler bekommen nach ihrem Ableben (oder Durchspielen) einen Code gesagt, mit dem man an einem Internet-Ranking (http://www.ikaruga-atari.net/) teilnehmen kann. Die dortigen Highscores liegen allerdings so hoch, dass der normale Spieler mit einem 10tel des 50. Platz zufrieden wäre.

Also leider nichts für Gelegenheitsspieler... zumal zwischen den Leveln auch nicht gespeichert werden darf.

Steuerung:
Die Steuerung ist mehr als ausreichend. Leider ist der Analogstick des Gamecube-Controllers nicht die Ideallösung für solche Shooter und das Digipad zu klein. Wer an einen größeren, digitalen Controller kommen kann, wird das Spiel mit diesem am besten spielen können.

Grafik:
Im Vergleich zur Dreamcast-Version (Siehe unser Preview) hat sich grafisch nichts getan. Dennoch ist das Spiel immer noch sehr sehr hübsch anzusehen. Ein RGB-Kabel sei aber empfohlen, denn sonst erkennt man ein paar der feinen Schriftzüge und Gegneranimationen nicht. Sämtliche Objekte im Spiel, ob Schiffe, Schüsse oder Hindernisse, sind dreidimensional, während das Spiel aber nur in einer Ebene abläuft. In diese Ebene fallen aber ab und an auch riesige Gegner von oben herein - oder man fliegt hoch über einem 3D-Wald oder einer großen Stadt, sieht tief unter sich einen Schwarm feindlicher Schiffe fliegen, von denen sich nach und nach ein paar an unser Schiff herantrauen. Sehr hübsch alles, dennoch bleibt die Spielrichtung immer von unten nach oben.
Oder von rechts nach links - denn Ikaruga bietet das nette Feature, dass das Bild um 90° nach rechts gekippt werden kann, um die gesamte Fernsehbreite auszunutzen. Im Vertikalmodus hat man nämlich 2 dicke schwarze Balken neben der Spielfläche.
Dies tut dem Spielfluß aber keinen Abklang, leider sind dadurch aber auch alle Objekte kleiner, unter anderem auch die Spielschriften (deswegen die Empfehlung zum RGB-Kabel). Ansonsten ist alles wie bei der Dreamcast-Version, auf einen 60Hz-Modus muss man leider verzichten.

Sound:
Auch hier nichts Neues. Im Hintergrund des Spiels läuft eine passende Musik, die sich der Situation anpasst, aber nie vom Geschehen ablenkt. Die Geräusche des Spiels sind passend und es rummst ordentlich, wenn man irgendwo eine Explosion passiert (und die passiert häufig...). Treasure hat auch an eine "Sprachausgabe" gedacht, hiermit ist aber nur eine Roboterstimme gemeint, die auf ein paar wichtige Aktionen hin zu hören ist, etwa das Vervollständigen einer Chain oder das Auftauchen eines Endgegners.
Meistens kann man die Stimme erst beim zweiten Hören verstehen; sie spricht in Englisch, wie auch der Rest des Spiels gehalten ist (nur das Handbuch ist auf deutsch).

Fazit:
Mit seinem Denken und Schiessen-Prinzip hat Ikaruga ziemlich genau meinen Nerv getroffen.
Das Spiel ist zwar alles andere als einfach, aber die nette (und nie verwirrende) 2,5D-Grafik und die bald aufkommende Sucht nach immer höheren Highscores lassen einen nicht so schnell von der Konsole wegkommen. Für alle Fans vom Punktesammeln und Retrofans überhaupt gibt es für Ikaruga einen uneingeschränkte Kaufempfehlung, Hardcoregamer können auch mal reingucken, alle anderen sollten es sich vielleicht erst einmal ausleihen.

Von M.Kallhardt
7.9Grafik
Alles in 3D und farblich sehr stimmig. Leider zu kleines Bild bei normaler Lage
7.2Sound
Es passt und stört nicht, begeistert aber auch nicht
8.8Spielspass
Hohe Langzeitmotivation und 2-Spielermodus, wenn der hohe Schwierigkeitsgrad einen nicht gleich aufgeben lässt
8.3Gesamt

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