Review von M.Kallhardt (mail) | 13. März 2003 | PAL Version
Endlich wieder Futter für Rollenspieler. Während Phantasy Star Online aber auf den namensgebenden Onlinemodus baut, handelt es sich bei Evolution Worlds um ein reinrassiges Offline-Rollenspiel im Stil von Final Fantasy.
Die Märchenwelt von Evolution Worlds steckt ungefähr auf einer Entwicklungsstufe wie zur Mitte des letzten Jahrhunderts auf der Erde - mit dem Unterschied, dass uns Erdlingen keine Hinterlassenschaften und Ruinen einer unglaublich fortschrittlichen, aber leider untergegangen
Zivilisation beschert sind.
Von eben dieser Zivilisation stammen die Cyframes - Kampfgeräte, die nur von besonderen Menschen geführt werden können, den Abenteurern. Solch ein Abenteurer ist der junge Mag Launcher, letztes bekanntes Mitglied der berühmten Launcherfamilie. Mags Cyframe trägt den Namen "Airacomet" und sieht aus wie ein Boxhandschuh, der auf Mags Schulter befestigt ist. Mag versucht in die großen Fußstapfen seines Vaters zu treten, der vor einigen Jahren verschwand und nur Linear Cannon zurückließ, ein sehr schweigsames Mädchen, das mysteriöse Fähigkeiten hat und kein normaler Mensch wie Mag zu sein scheint. Mag hat aber ziemliche Probleme, das Launcher-Anwesen instand zu halten, denn es fehlt am Geld, auch wenn Butler Gre Nade ohne Gehalt arbeitet. Um Geld zu verdienen durchsucht Mag im Auftrag der "Gesellschaft" die alten Ruinen der vergangenen Zivilisationen, ist aber noch nicht sehr erfahren und muss bei Konfrontationen mit den anderen Abenteurern oft den Kürzeren ziehen.
Es könnte den Ruf der Familie wieder herstellen, wenn es ihm gelänge, den alten Cyframe "Evolutia" (jap. Originaltitel) zu finden, der der mächtigste aller Cyframes sein soll. Mags Vater war auch auf der Suche nach "Evolutia" und dem Ziel schon sehr nahe, als er plötzlich verschwand. Linear scheint irgendwie in Verbindung mit dem Cyframe zu stehen, was auch der böse Kronprinz Eugene Leopold vermutet, der Befehlshaber der mächtigen 8. Armee. Zwischen Mag und Eugene entbrennt ein Wettlauf auf der Suche nach "Evolutia".
Gameplay:
Von diesem Wettkampf handelt aber nur der erste Teil des Spiels. Es werden ca. 40 Stunden Spielzeit angekündigt und so kommt es ziemlich überraschend, wenn das Rätsel um Evolutia schon am ersten Spielabend fast gelöst ist. Ich werde nichts verraten, aber mit der Entdeckung des Cyframes gehen die Probleme für Mag, Linear und Gre erst richtig los. Die meiste Zeit der 40 Stunden Spielzeit verbringt man mit dem Durchkämmen der Dungeons, hier Ruinen genannt. Von denen gibt es 2
Grundtypen: Zufallsruinen und Themenruinen. Die Zufallsruinen betritt man auf der untersten Ebene und kämpft sich dann nach oben durch, wo einen der Endgegner erwartet. Dazwischen läuft
man durch Gänge und immergleiche Räume, kann auf einer Karte nahe Monstergruppen (immer durch ein einzelnes Monster dargestellt, das durch Gänge streift und nur auf Sicht angreift) erkennen, diesen ausweichen oder sich von hinten anschleichen. Dazwischen gibt es immer mal wieder Schatzkisten und Fallen. Diese Fallen vergiften die Charaktere, heilen sie oder rufen auch schon mal eine Monstergruppe herbei.
So ähnlich es das zwar bei den Themendungeons auch, diese haben allerdings ein festes Muster und ein paar Extras, wie Schalterrätsel, Eisböden, Falltüren usw. Hier kann man auch wieder eine Ebene nach unten steigen, wobei das Spiel aber vergisst, dass man diese Ebene schon gesäubert hat und sich erneut Monster auf einen stürzen.
Ist dies der Fall, kommt es logischerweise zum Kampf, denn bei Evolution Worlds sind die Monster noch normal, sie tun das, was man von ihnen erwartet. Beim Kampf stehen sich dann die beiden Parteien gegenüber - die maximal drei guten Charaktere, bei denen immer Mag dabei ist, meistens Linear und als dritte Person ein anderer Abenteurer oder der Butler Gre. Auf Monsterseite stehen bis zu vier Wesen aus der gesamten Tierwelt oder darüber hinaus. Reihum kommt nun jeder Kämpfer dran und darf eine Aktion ausführen. Dazu zählen normale Attacken, Spezialangriffe mit dem Cyframe, die aber zusätzlich Aktionspunkte verbrauchen, das Einsetzen von Items, Ausrüstungsveränderungen, Bewegung und mehr. Während die normalen Angriffe nur ein Monster (mäßig stark) verletzen, richten die Spezialangriffe wesentlich mehr Schaden an und können auch mehrere Monster beeinflussen. Der Nachteil: man hat nur einen begrenzten Vorrat an Aktionspunkten, die sich aber von selbst wieder auffüllen und nach dem Einsatz eines Spezialangriffs muss der Charakter länger auf die nächste Aktion warten.
Charaktere ohne Cyframe haben statt der Spezialangriffe andere Fähigkeiten, ähnlich einer Magiebegabung. Will man nicht attackieren, kann der Charakter sich auch nur verteidigen.
Von den Monstern kommen ähnliche Angriffe: normale Attacken, die je nach Gegner auch schon mal mit Gift unterstützt sein können oder Spezialangriffe, die ebenfalls schweren Schaden bei den Helden
verursachen können. Nach einem siegreichen Kampf bekommen die Charaktere Erfahrungspunkte und den einen oder anderen Gegenstand. Von diesen kann man anfangs bis zu 30 mitschleppen, was eigentlich viel zu wenig ist. Manche Gegenstände lassen sich bündeln, aber insgesamt ist das Inventar zu klein. Zum Glück bekommt man im Verlauf des Spiels Rucksäcke und ähnliches, die das Tragevermögen der Gruppe erhöhen.
Außerhalb der Ruinen gibt es natürlich noch eine Außenwelt, die
eigentlich (je nach Spielverlauf) aus einer Stadt und einer handvoll
angrenzender Gebiete besteht. Manche Häuser in den Städten dürfen
betreten werden, hier befinden sich dann Läden, wo die Belohnung für
gesäuberte Ruinen in neue Ausrüstung investiert werden kann und
Restaurants, wo andere Charaktere für die Gruppe angeworben werden
können. Diese bleiben bis zum Ende des nächsten Auftrags bei euch,
nehmen dann ihren Lohn und gehen wieder.
Zu diesen (N)PCs zählen neben Butler Gre Nade (der netterweise keinen
Lohn verlangt) die beiden Abenteurerinnen Chain Gun und Pepper Box,
beide mit einem Cyframe bewaffnet.
Zwischen den Abstechern in die Ruinen wird die Story weitererzählt, an
der neben den Hauptfiguren auch die anderen Abenteurer teilhaben. Im
Verlauf des Spiels lernt man alle Personen gut kennen und man die
freche Chain Gun schon lieb gewinnen, weil sie ständig versucht, Mag zu
übertrumpfen. Diese Zwischensequenzen sind meistens in Spielgrafik
gehalten und wie der Rest des Spiels komplett englisch synchronisiert.
Hier versteckt sich einer der großen Vorzüge des Spiels und
gleichzeitig einer der größten Nachteile.
Von Story und Spieldesign ist das Spiel ganz klar für Kinder ausgelegt,
die allerdings nicht viel vom Spiel verstehen dürften, denn es ist
komplett Englisch. Aufgrund des enormen Umfangs an Text und Sprache
wäre eine Übersetzung wohl zu aufwändig geworden.
Darum richtet sich das Spiel jetzt wohl an Jugendliche und Erwachsene,
die des Englischen mächtig sind und sich darauf freuen dürfen, dass sie
schön entwickelte Charaktere und eine tiefe Story erleben werden.
Leider hat Ubi diese Vorzüge in ein etwas liebloses Spieldesign
gesteckt. Die Dungeons sind auf Dauer viel zu eintönig. Nachdem man zwei
Stunden durch immer die gleichen Gänge gelatscht ist und tausendmal die
gleichen Monster besiegt hat, um nach dem Kampf einen Gegenstand
wegschmeissen zu müssen, weil das Inventar voll ist, kann man schon mal
die Nerven verlieren. Zufallsruinen mögen ja für so etwas wie
Abwechslung sorgen, solange dieser Zufall sich aber nur auf Layout der
Ruinen beschränkt, bringt er nicht viel.
Steuerung:
Nicht gerade überraschend, aber die Grafik ist komplett dem Spielniveau angepasst - einfacher geht es nicht. Mit Stick und 2 Tasten hangelt man sich durch die Menüs, man gewöhnt sich schnell an die Menüstruktur, so dass man die Kämpfe bald fast blind steuern kann. Im Echtzeitmodus (außerhalb der Kämpfe) steuert man nur die Leitfigur (diese Rolle kann jedes Gruppenmitglied übernehmen), die anderen laufen dummdusselig hinterher. Fallen u.ä., Monster - alles reagiert nur auf die Hauptfigur. Allerdings reicht es auch den letzten Charakter von einem Monster einholen zu lassen um den Kampf zu starten. Die Springfunktion wird nur selten benötigt, meistens um auf einen Bodenschalter zu springen.
Im Handbuch wird übrigens nicht erwähnt, dass Cyframebesitzer diese auch außerhalb eines Kampfes benutzen können - um Käfige u.ä. zu knacken. Schlecht ist die Lösung mit der Kamera - das Drehen nervt mit der Zeit und ist viel zu langsam. Eine Lösung a la Super Mario Sunshine wäre auch hier angebracht gewesen. Zum Glück gibt es eine automatische Karte, die mit der Kamera mitdreht, so dass man sich nur schwer verlaufen kann.
Grafik:
Dabei ist die Grafik gar nicht mal schlecht - aber in den Dungeons klar
zu eintönig. Immer nur Wände im rechten Winkel zu einander, dazwischen
mal eine Bodenplatte mit einer Falle... *gähn* Immerhin unterscheiden
sich die Wandtexturen in den Themendungeons.
An den Charaktermodellen lässt sich nicht herummäkeln - wie der Rest
des gesamten Spieles bewegen sie sich ungefähr auf Dreamcast-Niveau,
sind aber durchweg hübsch animiert. Was ein wenig stört sind die viel
zu simplen Texturen.
Dafür wird man in den Kämpfen mit sehr schönen Effekten entschädigt -
alle Spezialangriffe sind Final Fantasy-typisch mit Blitzen, Erdbeben
und Speedeffekten unterlegt, die Monster werden comicähnlich durch die
Gänge gewirbelt...
Auch in der Außenwelt ist die Grafik komplett in 3D gehalten. Die
Kamera schwebt wie ein Vogel über der Gruppe, kann aber mit den
Schultertasten um sie herum gedreht werden. Dies ist sehr häufig nötig,
da Wände oder Gebäude nicht ausgeblendet werden, wenn Mag dort im toten
Winkel des Spielers steht. Man kann die Kamera auch in eine
Third-Person-Perspektive hinter dem Charakter platzieren, hier hakelt
allerdings die Steuerung ziemlich.
Die etwas angestaubte Grafikengine lässt sich wunderbar mit Final
Fantasy vergleichen - am ehesten mit Teil 7 oder 8, bloß das es keine
gerenderten Hintergründe gibt, sondern alles in 3D gehalten ist. Auch
die meisten Zwischensequenzen werden in Spielgrafik dargestellt. Hier
offenbaren sich dann die größten Schwächen, weil die Charaktere aus der
Vogelperspektive oder im Kampf kleiner und hübscher wirken, in
Großaufnahme aber nicht toll wirken. Auch fallen wieder die
langweiligen Texturen auf.
Frei nach dem Sprichwort "Unverhofft kommt oft" bekommt man manchmal
einen animierten Film zu sehen, der sich aber nur wenig von der
Spielgrafik abhebt.
Sound:
Während des gesamten Spiels dudelt eine Hintergrundmusik mit, die man aber nach der ersten halben Stunde nicht mehr wahrnimmt. Umgebungsgeräusche gibt es auch paar, die sind allerdings so selten, dass man sie sofort bemerkt, weil da plötzlich ein ungewohnter Sound gespielt wird. Die Quelle eines solchen Geräuschs lässt ich meistens nicht lokalisieren.
Ansonsten gibt es die üblichen Kampf- und Actionsounds, die allesamt Dragonball Z entstammen zu scheinen. Dieses "Wusch", "Zack", "Plong" hat man irgendwie schon mal irgendwo gehört. Ganz große Klasse ist allerdings die Sprachausgabe - so ziemlich jeder Satz im Spiel wird auch gesprochen - von sehr guten, englischen Synchronsprechern. Alle Stimmen passen hervorragend zu den Charakteren.
Fazit:
Trotz der etwas angestaubten Grafik und der nervigen Ruinenrumgerenne ist es erfreulich, dass dieses Spiel für die westliche Welt lokalisiert wurde. Leider wurde von Ubi Soft nur an den amerikanischen Markt gedacht - das Spiel ist ganz klar für Kinder gedacht, die aber ihre Schwierigkeiten haben dürften, der Story komplett zu folgen. Die Spielanleitung ist deutsch gehalten, das Spiel leider nicht. Wer sich dafür aber interessieren kann, der bekommt solide Rollenspielkost mit einer guten Story und tollen Charakteren serviert.
Von M.Kallhardt
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| 5.0 | Grafik Design geht so - die Vorgänger erschienen für die Dreamcast, die Grafik wurde übernommen | |
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| 7.2 | Sound Tolle Sprachausgabe, sonst nur Standard | |
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| 6.9 | Spielspass Geht locker von der Hand, ein paar Designschnitzer | |
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| 6.6 | Gesamt | |
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